Bottroper Amphitheater mit Ibarolla-Installation

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Vor 180 000 Jahren… (?)
Der wahrscheinlich älteste Neandertaler-Rastplatz
liegt in Bottrop.


von Rüdiger Schneider

© Pressebild Neandertal-Museum Mettmann

Arno Heinrich, früherer Leiter des Bottroper Museums für Ur- und Ortsgeschichte, hatte ihn 1963 entdeckt: den wohl ältesten Neandertaler-Rastplatz des Ruhrgebiets. Ein Gedenkstein unmittelbar am Rhein-Herne-Kanal in Höhe der Einbleckstraße weist auf den Fund hin. Eine Tafel auf dem Stein gibt erste Auskunft:

Gedenkstein am Rhein-Herne-Kanal - Foto: R.S.

“Hier wurde 1963 bei Baggerarbeiten im Rhein-Herne-Kanal ein Neandertalerrastplatz (ca 180 000 bis 120 000 Jahre alt) entdeckt. Die rund 375 geborgenen Geräte befinden sich im Museum für Ur- und Ortsgeschichte in Bottrop. – Historische Gesellschaft Bottrop 1989”

Was die Zeitangabe betrifft - 180 000 Jahre - gibt es allerdings auch vorsichtigere Schätzungen, nämlich nur 80 000 Jahre. Möglich, daß die Angabe auf dem Gedenkstein korrigiert werden muß.

Das Informationsschild daneben ist nur schwer zu entziffern. Graffiti decken den Text an vielen Stellen zu. Er ist von Arno Heinrich und lautet:

“Der Rastplatz an der Einbleckstraße ist ca. 180 000 Jahre alt und gehört in die mittlere Altsteinzeit. Neandertalgruppen nutzten diese Freilandstation als Sommerlager, im Winter wanderten sie in die heutige Eifel. Erste Funde lieferte der Bau des Rhein-Herne-Kanals vor 1914, entdeckt wurde die gesamte ‚Freilandstation’ bei weiteren Baggerungen 1963 bis 1975. Rund 400 Geräte aus Feuerstein, Knochen, Geweih und Elfenbein wurden zutage gefördert, die teilweise im Museum zur Ur- und Ortsgeschichte ausgestellt sind.

Harpune aus Rothirschgeweih, Bottrop-Emschertal, Aufnahme
aus dem Bottroper Museum für Ur- und Ortsgeschichte - Foto: R.S.

Ihren Nahrungsbedarf deckten die steinzeitlichen Menschen größtenteils über die Pflanzenvielfalt in der damaligen Tundra-Landschaft im Emschertal. Mühsam getötete Tiere wie das Mammut oder Wisent lieferten zusätzliche Nahrung, die Felle dienten zur Bekleidung und für Zelte, Knochen und Geweihe wurden zu Geräten verarbeitet sowie Därme und Sehnen zu Bindematerial.”

Schneehuhn - Frühstückseier schon für den Neandertaler?
Aufnahme aus dem Bottroper Museum für Ur- und Ortsgeschichte -
Foto: R.S. - Die Frage zum Huhn stammt von BOT.spot.

2010, im Jahr der Kulturhauptstadt, soll der Rhein-Herne-Kanal kulturell attraktiv werden. Zehn Anrainerstädte bringen dazu ihre Konzepte ein. Dann könnte auch der Rastplatz als einer von zwei Bottroper Beiträgen neben geplanten Brückenkonzerten eine neue Bedeutung gewinnen. Die Künstlerin Irmelin Sansen hatte die ‘Freilandstation’ im Vorfeld der Überlegungen ins Gespräch gebracht. Auf dem dann neu gestalteten Gelände wird eine bis zu zehn Meter hohe Nachbildung eines Faustkeils stehen, Tafeln informieren über die Wandergeschichte des Neandertalers, ein Bus-Shuttle bringt Neugierige ins Bottroper Museum. So jedenfalls ist der Plan, der dem Kulturhauptstadt-Büro in Essen vorliegt. Daß sich ein Besuch des Bottroper Museums für Ur- und Ortsgeschichte lohnt, ist jetzt schon sicher. Man wird erstaunt sein, was man alles nicht gewusst hat und was einem höchst anschaulich präsentiert wird. Seien es kleine Schabewerkzeuge unserer Urzeitvorfahren oder imposante Tatzenspuren von Löwen, die es hier auch einmal gab. Und wer weiß, vielleicht bleibt es ja auf dem Platz nicht nur bei einem Faustkeil.

© Pressebild Neandertal-Museum Mettmann

Was auf Burg Vondern mit Ritterspielen vor kurzem möglich war, könnte sich ja auch neandertalmäßig in Bottrop ereignen. Freundeskreise der Steinzeit ließen sich gewiss finden, die dann mit Fell und Keule die alte Stätte wieder beleben. Spektakulär und spannend wäre das schon. Und der Phantasie eine Freude. Zu bedenken wäre indes, ob es dann nicht schon bald im Volksmund heißt: “In Bottrop gibt’s Neandertaler.”

BOT.spot, 27. Juli 2007