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von Rüdiger Schneider Fotos: Irmelin Sansen/Rüdiger Schneider
An einem grauen deutschen Novembertag springen die Turbinen an. Die Maschine startet, hebt ab, steigt, dreht sich in eine südliche Kurve, durchstößt bald darauf die Wolkendecke. Blauer, in der Sonne glänzender Himmel ringsum. Ziel ist Lissabon. Möglich, daß dieses Ziel durch Bilder geweckt wurde, durch den Film ‚Die weiße Stadt’ mit Bruno Ganz in der Hauptrolle. Da sitzt er auf einem Balkon, sieht auf den Hafen hinaus, auf die Schiffe, die An- und Abreise bedeuten, und hat sein vorheriges Leben hinter sich gelassen. Der Film ist lange her, aber solche Bilder beeindrucken, setzen sich fest, wirken fort. Und so, möglich, kamen wir eben auf Lissabon.
Eine schöne Stadt, eine freundliche Stadt. Schon bei der Ankunft im Flughafen berät man uns mit einem Lächeln, das Lächeln setzt sich fort beim Busfahrer und dann an der Hotelrezeption in Lissabons Alfama. Und schön war es, am ersten Abend in einer der Gassen zu sitzen, draußen, bei Musik und buntem Leben.
Wir hatten uns ein kulturelles Programm vorgenommen. Wenn man schon einmal in Lissabon ist … Das Museum Caso do Fado, die Arte Antiga, die Kathedrale Sé als ältestes Bauwerk der Stadt, den Palacio de Fronteira. Oder zumindest doch eine Fahrt mit der berühmten ‚electrico’, der Straßenbahn 28, die quer durch Lissabon rumpelt. Nichts davon. Nah am Tejo gingen wir über den Terreiro do Paco, fühlten uns in der Weite des ehemaligen Königsplatzes frei und beschwingt, entdeckten die Marmortreppe, die in den Fluß hineinführt und an der einst die Seefahrer empfangen wurden, wenn sie von ihren Fahrten heimkehrten.
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Der Tejo wirkte wie ein Meer und zugleich wie ein breiter, offener Strom. Mit der Fähre überquerten wir ihn zum gegenüberliegenden Stadtteil Almada, sahen von dort bei einem Glas Rotwein oder einer Tasse Kaffee auf die ‚Weiße Stadt’. Die Tage in Lissabon verbrachten wir am Fluß, nahmen die Atmosphäre auf von Weltoffenheit, Freundlichkeit und Sonne, sahen auf die Schiffe, den wartenden Horizont und spürten die Verlockung ferner Abenteuer. Unser Blick ging auch auf liebenswert gestaltete Details, die einen in vergangene Zeiten zurückversetzten, und es konnte sogar geschehen, daß uns die abblätternde Patina einer alten Hafenmole in besonderer Weise gefangennahm und mit ihren Farben und Konturen zu einem Kunstobjekt wurde.
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Wann hat man eine Stadt verstanden? Wenn man ihre Museen durcheilt oder wenn man nur dasitzt und schaut und empfindet? Wir haben am Tejo gesessen und auf das Wasser und die Schiffe gesehen. Das Bildungskulturelle und das Empfindende schließen sich nicht aus. Man kann beides oder das Jeweilige nacheinander.
Lissabon, November 2004
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