Bottroper Amphitheater mit Ibarolla-Installation

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„Das Geheimnis des Glockengießers“
Zu Besuch in einer Glocken- und Kunstgießerei


von Rüdiger Schneider (Text & Fotos)

‚Hoch überm niedern Erdenleben
Soll sie in blauem Himmelszelt
Die Nachbarin des Donners schweben
Und grenzen an die Sternenwelt…’
(Friedrich Schiller: ‚Das Lied von der Glocke’)

Hans-Göran Hüesker demonstriert eine Tonanalyse

Wenn Bottrop eine Stadt ist, in der Musik eine besondere Rolle spielt, dann gehören selbstverständlich auch ihre Glocken dazu. Wo kommen Bottroper Glocken eigentlich her? Wo könnten sie herkommen? Wie macht man das überhaupt, eine Glocke zu gießen und dann auch noch das Kunststück fertigzubringen, diese Bronzegiganten präzise auf die gewünschten und bestellten Töne hin abzustimmen, und zwar auf ein sechzehntel Halbton genau? Und dann, unter dem Aspekt der Literatur, stimmt das eigentlich, was Friedrich Schiller in seinem berühmten ‚Lied von der Glocke’ schreibt? Eingewoben in die Ballade des Lebens ist der Fertigungsprozeß geschildert. Eine Menge an Fragen also, was ein Musikinstrument betrifft, dessen Klang ich bislang ahnungslos zugehört hatte. 

Glockenspiel am Bürogebäude (unter Denkmalschutz stehend)
von Petit & Gebr. Edelbrock

So bin ich also eines Morgens unterwegs in das fünfzig Kilometer entfernte Gescher im Münsterland. Hier ist die Glocken- und Kunstgießerei Petit & Gebr. Edelbrock. Hans-Göran Hüesker, Glockengießer und geschäftsführender Inhaber der Firma hat recherchiert. 1959 wurde das Geläute für St. Ludgerus in Fuhlenbrock gegossen. Fünf Glocken sind es: d’, e’, fis’, a’ und h’. 1963 waren es Glocken für St. Suitbertus in Vonderort und für St. Pius in Bottrop. 1965 dann für St. Bonifatius in Fuhlenbrock, und 1983 kamen zu den drei alten Glocken von St. Johannes in Kirchhellen drei neue dazu: c¹, es¹, f¹.

Glocke am Eingang des Bürogebäudes

Bei einer Tasse Kaffee gibt es ein wenig Nachilfe in Musik. Der Schlagton einer Glocke, wie das Ohr ihn empfindet, wird ‚nominal’ genannt. Er setzt sich aus einzelnen Teiltönen zusammen, die die Glocke produziert. Wobei die fünf wichtigsten Prinzipaltöne Prime, Terz, Quinte, Ober- und Unteroktave sind. Der Schlagton entsteht, wenn „der Klöppel die Glocke küsst“.

„Und wie bringt man das fertig, eine Glocke so präzise zu berechnen und zu gießen, dass es bis auf ein sechzehntel Halbton stimmt?“ frage ich. „Das ist das Geheimnis des Glockengießers!“ sagt Hans-Göran Hüesker. „Vom Vater geht es auf den Sohn.“

Hans-Göran Hüesker demonstriert an einem Modell die Funktion der Schablone.

Schon in seinem achten Lebensjahr erhielt er von seinem Vater die ersten Unterweisungen in der Kunst des Glockengießens. Nach Absolvierung des Gymnasiums studierte er Metallurgie und Werkstoffwissenschaften mit dem Schwerpunkt Gießereikunde. Nach dem Tod des Vaters führte die Mutter die Firma, wobei Hans-Göran Hüesker entschieden mitwirkte und dann ab 1995 die Geschäftsführung der Firma übernahm.

Es würde hier zu weit führen, all die berühmten Glocken zu nennen, die in Gescher gegossen worden sind. Ein paar Beispiele nur. 1980 wird in Anwesenheit einer Vatikanischen Gesandtschaft eine Papstglocke gegossen. Karol Woytila, Johannes Paul II., weiht sie in Fulda. 2005 ist es Benedikt XVI., der anlässlich des Weltjugendtages auf dem Marienfeld bei Köln eine Glocke weiht. Sie läutet jetzt in St. Aposteln in Köln. 1988 wird eine Glocke gegossen (von Florence Hüesker), die mit 13 Tonnen die schwerste in Deutschland nach dem Krieg gefertigte ist. Wegen ihrer Ausmaße muß sie die Gießerei durch das Dach verlassen. Sie steht heute als sogenannte Stupa-Glocke vergoldet in einem tibetanischen Meditationszentrum in San Francisco.

Stupa-Glocke in San Francisco
(aufgenommen nach einem Foto der Familie Hüesker)

Das Unternehmen blickt auf eine dreihundertjährige Tradition zurück. Dabei waren auch schwere Zeiten zu bestehen. So etwa während des Zweiten Weltkrieges. Am 15. März 1940 erläßt Hermann Göring das Gesetz zur Beschlagnahme aller Glocken zu Kriegszwecken. Glocken werden zerschlagen, eingeschmolzen. Im Juni 1945 werden dann nach langer Entsagung die ersten Schablonen wieder gezeichnet. Das Material für den Guß stammt aus Glockenbruch und Bronze-Kanonen.

Eine der wenigen Glocken, die beide Weltkriege ‘überlebt’ haben

Der Werdegang einer Glocke beginnt mit dem Geheimnis des Glockengießers. Er errechnet die ‚Rippe’, das Profil der künftigen Glocke und zeichnet es auf ein Buchenbrett, das später als Schablone dienen wird. Diese Schablone wird entlang ihrer inneren Kontur ausgeschnitten, an einer Spindel drehbar befestigt und über dem Formstand in der ‚Grube’ angebracht. In drei Arbeitsphasen werden nun ‘Kern’, ‘falsche Glocke’ und ‘Mantel’ hergestellt.

Formstände in der Grube

Der Schablone folgend wird der erste Teil der Glockenform, der ‘Kern’, hohl mit Ziegeln aufgemauert. Mit Zusätzen vermengter Lehm wird von Hand aufgetragen. Die Kernform hat innen einen Hohlraum und kann beheizt werden, um den Lehm auszutrocknen und zu brennen. Die Arbeitsgänge werden mit immer feinerem Lehm solange wiederholt, bis ein glatter Kern entstanden ist, der die Schablone genau ausfüllt. Dieser Kern entspricht dem ‘Hohlraum’ der Glocke.

Der erste Teil der Glockenform entsteht.

Nun muß die Schablone entlang der äußeren Kontur ausgeschnitten werden. Es entsteht das Maß für das Modell der Glocke. Dieses Modell wird ‘falsche Glocke’ genannt. Diese ‘falsche Glocke’ entsteht durch wiederholtes Auftragen immer feiner werdender Lehmschichten, bis die Schablone ausgefüllt ist. Nun erhält die ‘falsche Glocke’ mit der Schablone eine Trennschicht aus Fett. Darauf werden Verzierungen und Schriften aus Wachs gesetzt. Die ‘falsche Glocke’ ist das genaue Abbild der künftigen Glocke. Im dritten und letzten Formabschnitt wird der ‘Mantel’ gefertigt. Die Schablone hat jetzt ausgedient. In mehreren Schritten erfolgen Lehmaufträge, und zwar von sehr fein bis zunehmend gröber, bis der Mantel die erforderliche Stärke hat. Nach jedem dieser Aufträge wird die Form beheizt, der Lehm getrocknet. Das Wachs der Glockenzier auf der ‘falschen Glocke’ ist dabei weggeschmolzen. Hebt man den Mantel ab, zeigt seine Innenwand die Schriften und Verzierungen im Negativ. Die ‘falsche Glocke’ wird vom Kern abgeschlagen. Jetzt kommt der Mantel wieder über den Kern. Zwischen Mantel und Kern ist genau der Hohlraum entstanden, den zuvor die ‘falsche Glocke’ eingenommen hatte. Dieser Hohlraum wird beim späteren Guss mit Bronze gefüllt.

Nun nähert man sich dem spannenden Höhepunkt. In der Gussgrube wird Erde zwischen die Glockenformen gebracht und festgestampft, damit die Mantelformen den Druck der Schmelze aushalten. Nur noch die sogenannten ‚Windpfeifen’ und das Eingussloch ragen aus der Erdschicht. Der Meister selbst gibt die Anweisungen, den Zapfen des Schmelzofens auszustoßen und das Gussloch zu öffnen. Die Form füllt sich mit Bronzeschmelze. Durch die Windpfeifen entströmen Gase und Luft. Tage darauf sind die Glocken ausreichend abgekühlt und können nun ausgegraben werden. Die musikalische Überprüfung beginnt.

Bei einem Rundgang erklärt mir Hans-Göran Hüesker ausführlich und anschaulich den Herstellungsprozeß. Für die Leser und Leserinnen sei insbesondere der Internetauftritt des Unternehmens unter www.petit-edelbrock.de empfohlen. Hier kann man neben dem Fertigungsprozeß einer Glocke auch die lebendig und spannend geschriebene Familienchronik lesen und noch einiges mehr.

„Stimmt das denn eigentlich, was Schiller im ‚Lied von der Glocke’ über die Herstellung angegeben hat?“ frage ich. - „Ja, es trifft ziemlich zu“, ist die Antwort. „Er muß es einmal gesehen haben. Wo, wissen wir freilich nicht.“

Wir gehen auch durch die Abteilungen der Kunstgießerei, wo im Sandguß- und Wachsausschmelzverfahren Plastiken, Reliefs, Portale, Schrifttafeln, Leuchter, Altäre, Tabernakel und vieles mehr gefertigt werden. Hier gegossene Leuchter sind übrigens auch im Kreml in Moskau. Zu Jelzins Zeiten hat Hans-Göran Hüesker sie dorthin gebracht.

Zum Abschluss des Rundgangs demonstriert er mit einem Set von Stimmgabeln die Resonanzüberprüfung einer Glocke und ‚weckt’ dann mit einem Klöppel den Schlagton, so dass es mir in ein paar Metern Entfernung nur so durch die Ohren hallt.

„Klingt ein Geläute nicht gut“, sagt er später im Büro, „dann stammt es nicht von hier.“ An diesem Satz besteht kein Zweifel, gibt es doch für das Unternehmen eine recht bezeichnende Geschichte. Einer der Vorfahren, Alexius Petit d.J. hatte 1804 in der Oldenburgischen Zeitung eine hohe Prämie ausgesetzt, wenn ihm binnen sechs Wochen jemand eine geborstene oder sonst mangelhaft geratene Glocke aus der Gießerei Petit nachweisen könne. Es meldete sich niemand.

Zum Schluß bekomme ich noch einen guten Tip. „Wenn Sie in Zukunft Glockengeläut vernehmen, bleiben Sie stehen und hören Sie genau hin.“ Noch am selben Tag, es ist achtzehn Uhr, bin ich zufällig in der Nähe der Martinskirche in Bottrop. Die Glocken läuten. Ich bleibe stehen und höre hin. Zum ersten Mal nehme ich ganz bewusst die Töne auf. Es ist Musik. 

BOT.spot, 3. August 2007